Berichte

Leserzuschrift „Reichsbürger“

Im Ch.Links Verlag erschien 2017 ein aufklärendes Buch, das uns - die Mitglieder der AG Brot und Salz im Kulturkreis - veranlasste, dessen Herausgeber Andreas Speit nach Hohen Neuendorf einzuladen. Wie sich am 12. Juni zeigte haben wir mit der Veranstaltung „Reichsbürger – die unterschätzte Gefahr“ einen Nerv getroffen, denn kein Platz blieb im Mehrzweckraum der Stadthalle leer. Zu verdanken haben wir diesen lehrreichen Abend der Landeszentrale für politische Bildung.  Mutmaßungen, dass der kürzlich gesendete „Polizeiruf 110“ zur großen Nachfrage beigetragen hat, konnten nicht eindeutig bestätigt werden. Aber, dass die Erwartungen an einen aufklärenden, sachlichen und problemorientierten Vortrag  von Andreas Speit zu einem komplizierten Thema erfüllt wurden, ist heute gewiss.

Andreas Speit, Jahrgang 1966, von Beruf Diplomsozialökonom, gefragter Hamburger Journalist und Publizist, wenn es um Rechtsextremismus hierzulande geht,  bannte mit seinem einstündigen  Vortrag über die Reichsbürger Bewegung die Gäste. Er stellte anhand von Fotos und Videomaterial  das Agieren und den  Charakter der Szene heraus, deren Ideologie  sich nach Autorenkollege Jan Rathje in vier Milieus ausmachen lässt:

  1. bei Rechtsextremen, die seit 1945 verschiedene Reichsideen vertreten,
  2. bei Reichsbürgern, die eine eigene heutige Reichsregierung propagieren,
  3. bei Selbstverwaltern, die als „souveräne“ Menschen unabhängige Reiche oder Staaten gründen und
  4. bei Souveränisten, die die Bundesrepublik nicht als souveränen Staat anerkennen.

 Ein Video zeigte dann auch die Ausrufung des Fürstentums Germania im brandenburgischen Schloss Krampfer durch Michael Freiherr von Pallandt. Es sollen an die 600 Bewunderer dabei gewesen sein, deren Jubel und Applaus zu vernehmen ist, als dieser im Februar 2009 den „basisdemokratischen Kirchenstaat“ ausrief. 

Andreas Speit beschrieb und zeigte viele Beispiele von unter verschiedensten Namen firmierenden 32 „Projekten“ der Selbstverwalter und Souveränisten - das Königreich Deutschland  von Peter Fitzek in Wittenberg, den Staat Ur des Mister Germany Adrian Ursache im Burgenlandkreis, die völkische Reichsbewegung  von Horst Mahler, deren Kampffeld das Leugnen des Holocaust ist,  und das Deutsche Polizei Hilfswerk in Brandenburg und Sachsen. Sie findet der Leser alle im Buch beschrieben.

 Speit verwies auf die schwierigen Mischszenen und die komplizierten Auseinandersetzungen auf der kommunalen Ebene. Ursache für das Erstarken der Reichsbürger sei wie im Fall der Ausbreitung der rechten Szene auf dem Lande überhaupt der Rückzug des Staates  und seiner Institutionen im ländlichen Raum. Dem gegenüber stehen Reichsbürger mit oftmals legal erworbenen  Waffen, bereit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – gegen die Bundesrepublik – diese „GmbH“.

Die Vorstellung einer in Gut und Böse geteilten Welt, zwischen den weltbeherrschenden Juden und guten unterdrückten Deutschen (der Antisemitismus) ist ein zentrales Strukturelement, leider weit über die Reichsbürger Milieus hinaus verbreitet.  

„Auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft hängen diesen Ideen an.“, so Andreas Speit.  So konnte man einen Lehrer aus der Waldorfschule genauso bei den Reichsbürgern verorten wie Polizisten, die  Reichsbürger-Ausweise besitzen, in denen „Königreich Bayern“ oder „Königreich Sachsen“ steht, oder Xavier Naidoo, der in seinem Song „Marionetten“ ihre Ideologie in die Musikszene kolportiert.

Andreas Speit sieht  im  heimtückischen Mord an einem  Polizeibeamten im fränkischen Georgensgmünd im Jahr 2016 die Wende in der öffentlichen Wahrnehmung durch die Presse und vor allem durch die Sicherheitsorgane. Er bedauert, dass die Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt darauf hinweisen müssen, dass erst mit diesem Fall die potentielle Gefahr der Reichsbürger erkannt und medial aufgegriffen wurde.  Rechtsextremismus-Experten und Beratungsnetzwerke wiesen schon des längeren darauf hin, dass die Reichsbürgerbewegung nicht beim Papierterrorismus stehen bleibe.  Ihre Vertreter fielen nicht allein dadurch auf, dass sie ihre Personalausweise abgaben oder Behördenpost ungeöffnet zurücksandten. Sie griffen Behördenmitarbeiter verbal und körperlich an, was lange verschwiegen wurde.

Andreas Speit weiter: „Bereits 2012 hatte die Reichsbewegung – Neue Gemeinschaft von Philosophen“ Drohbriefe an Moscheen und jüdische Gemeinden verschickt, in denen sie „alle raum-, wesens- und kulturfremden Ausländer in Deutschland, insbesondere Türken, Muslime und Negroide“ zur Ausreise aufforderten und zugleich drohten, die Zuwiderhandelnden nach der gesetzten Frist standrechtlich zu erschießen. Dennoch wurde die Bewegung lange Zeit von den Behörden als Ansammlung von Spinnern und Verrückten abgetan.“

Inzwischen verbreiteten sich immer hartnäckiger Fakes in der Mitte der Gesellschaft, die suggerierten, dass es keinen Friedensvertrag gäbe und keine Verfassung.

Auch die Wiederlegung dieser Mythen kann der Leser bei Speit und Kollegen finden.

 Die langjährige Ignoranz war fahrlässig, schätzte Andreas Speit ein. So brachte eine Untersuchung der Verfassungsschutzberichte durch Mitautor Paul Wellsow den Befund, dass es „keine Frühwarnsysteme“ für diese an rechtsextreme Ideologien andockende Bewegung gab. Heute registrierte das Bundeskriminalamt analog für die Jahre 2016/2017 die relevante Zahl von 13.000 Straftaten, davon 750 Gewalttaten, die auf das Konto der Reichsbürger gehen.

Außerdem wurden vom Bundesinnenministerium nun über 900 Personen dem extrem rechten Spektrum zugeordnet. Aufgrund der aktuell kontinuierlich beobachteten  Reichsbürgeraktivitäten wurden Beziehungen zur AfD über Pegida bis zur NPD deutlich.

 Diskussionsbeiträge aus dem  Publikum illustrierten die Aussagen von Speit. Anhand eigener Erlebnisse beschrieben Mitarbeiter von Verwaltungen das Agieren der Szenenvertreter vor Ort. Schikane durch Verweigerung,  gegebenenfalls Überziehung der Mitarbeiter mit horrenden Klageverfahren und ein aus dem Ruder laufender Schriftverkehr sind Ausdruck ihrer Ideologie, der mitnichten auf Augenhöhe beizukommen ist, eher mit Ignoranz.

 Brandenburgs Mobiles Beratungsteam hat schon mit  Aufklärungsarbeit zur präventiven Intervention gepunktet.  Unsere Empfehlung: „Reichsbürger – ein Handbuch“, herausgegeben von Dirk Wilking. Es  liegt in zweiter Auflage beim Institut für Gemeinwesenberatung  demos vor. Und „Reichsbürger – die unterschätzte Gefahr“ aus dem Ch.Links Verlag ist spannende Lektüre und lohnt sich wirklich zu lesen.

Angelika Stobinski

AG Brot und Salz

Hohen Neuendorf, 14. Juni 2018

Zu Gast bei Friedrich Wolf

Zu Gast bei Friedrich Wolf

Am 23. April besuchten wir, eine Gruppe von 15 Personen aus Hohen Neuendorf, dem Mühlenbecker Land und von weiter her, auf Einladung des Kulturkreises die Friedrich Wolf Gedenkstätte in Lehnitz.

Mittels der vielen authentischen Ausstellungsobjekte, die dort zu sehen sind und der umfassenden Informationen über das Leben des 1901 in Neuwied geborenen Friedrich Wolf , vorgetragen von Tatjana Trögel, Mitglied des Vorstandes der gleichnamigen Gesellschaft, wurden wir mit der bewegten und vielseitigen Lebensgeschichte, dem literarischen Schaffen, mit dem Wirken als Arzt, mit dem engagierten Bürger, dem Ehemann und Vater und dem Freund Friedrich Wolf bekannt gemacht, der mit seiner Frau Else seit 1948 am Alten Kiefernweg 5 in Lehnitz wohnte.

Die Waldsiedlung, einst erbaut von KZ-Häftlingen, eingerichtet für die Testflieger der Wehrmacht, wurde das Zuhause von vielen Antifaschisten, denen die Häuser zur Nutzung nach dem 2. Weltkrieg übergeben wurden. So konnte auch Familie Wolf nach der Rückkehr aus dem sowjetischen Exil dort ein neues Zuhause finden, und Friedrich Wolf fand vor allem einen Ort zum Schreiben. So ist wohl auch die „Weihnachtsgans Auguste“ hier entstanden ...

Beeindruckt haben uns nicht nur die große Anzahl seiner literarischen Werke, zu denen Theaterstücke, Hörspiele, Kindergeschichten und Erzählungen gehören, die erfreulicherweise heute noch gelesen werden und den Weg auf manche Bühne finden. Mit Freude zeigte uns Tatjana Trögel die illustrierte Ausgabe der „Weihnachtsgans Auguste" in chinesischer Sprache.

Auch das Stück „Cyankali", das den Paragrafen 218 sehr kritisch in Frage stellt, findet nach wie vor viel Aufmerksamkeit, nicht zuletzt wegen seiner noch immer währenden Realität in Deutschland. Das Stück wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt, was von seiner Qualität und Brisanz zeugt. Und „Professor Mamlock“ – ein Drama, in dem Friedrich Wolf das bevorstehende eigene Schicksal als jüdischer Arzt in Nazi-Deutschland schon 1933 vorwegnahm und unter dem Eindruck seiner öffentlichen Verunglimpfung als einem der „gemeingefährlichsten Vertreter des ostjüdischen Bolschewismus“ entstand, kam zur Sprache.

So kam uns nicht von ungefähr die Veröffentlichung der Hohen Neuendorfer Literaturwissenschaftlerin Christel Berger „Friedrich Wolf 1953- Eine Biografie rückwärts“ in den Sinn, die wir 2007 schon im Kulturkreis vorstellten. Auch freute es so manchen älteren Literatur- und Geschichtsinteressierten unter uns, dass Schulen die Möglichkeiten nutzen, die die Friedrich Wolf Gesellschaft  als ein Kultur- und Lernort bietet.

Schließlich hatte wohl  am Samstagnachmittag  fast jeder aus unserer Gruppe das Bedürfnis, mal wieder bei Friedrich Wolf oder über die Wolfs nachzulesen. Mittels der Veröffentlichungen von Briefen, Tagebüchern und Texten, auch seiner Kinder Konrad und Markus Wolf, können wir viel über die jüngste Vergangenheit und über diese ganz besondere Familie und ihre Verbindungen in alle Welt erfahren. Ja, das Nachdenken anhand des gelebten Lebens und Schaffens von Friedrich Wolf ist anregend und einfach viel mehr als „Auguste“.

Noch Chile im Herzen? 40 Jahre nach dem Putsch
Noch Chile im Herzen?

40 Jahre sind seit diesem 11.September im Jahr 1973 vergangen, an dem die sozialistische Regierung von Salvador Allende und der Unidad Popular durch einen blutigen Militärputsch gestürzt wurde. An dieses erschütternde Ereignis, wurde im September 2013 an vielen Orten in Chile und in der Welt erinnert. Auch der Kulturkreis widmete sich dem Thema in einer besonderen Veranstaltung am 21. September, denn es gab vielfältige Wirkungen auf die Politik und Kultur in Europa, auf die in der DDR und die der Bundesrepublik. Eine Welle der Sympathie und der Solidarität hat der Wahlsieg der Unidad Popular bei vielen Menschen hervorgerufen und dennoch gleichzeitig Argwohn ausgelöst. Letzteres galt insbesondere den von der CIA und konterrevolutionären Kräften unternommenen Versuchen, die demokratische und sozial orientierte Entwicklung in Chile zu boykottieren. Ist Chile inzwischen wieder ein fremdes Land geworden, das kaum noch wahrgenommen wird? Was verbindet uns heute noch mit Chile? Was ist von der Erschütterung über die grausame Diktatur, was ist von der großartigen internationalen Solidaritätsbewegung, was von der Begeisterung für die Kunst und Kultur dieses Landes geblieben?
Diesen Fragen gingen wir nach im Rahmen einer Begegnung unter Freunden und Zeitzeugen. Wir wollten aufzeigen, wie Kunst und Kultur Chiles in unserem Land wirkte und wirkt und wie sich umgekehrt deutsche Künstlerinnen und Künstler verhalten haben und wie sie die Ereignisse im Andenland reflektierten.
Den roten Faden durch die Veranstaltung haben Reminiszenzen an die Folklore und das politische Lied Lateinamerikas in ihrer künstlerischen Vielfalt gebildet, vorgestellt von Matthias Nitsche (Gruppe Cantaré). Lieder von Violetta Parra, Victor Jara, Quilapayún, Inti Illimani, Illapu oder Mercedes Sosa standen auf dem Programm. Wir zeigten inzwischen in Vergessenheit geratene Zeugnisse der nationalen und internationalen Chile-Solidarität in einer begleitenden Ausstellung und präsentierten einen Überblick chilenischer Literatur in Deutschland, Filmausschnitte und anderes mehr. Mit leckeren Empanadas, rotem chilenischen Wein sowie chilenischem Kuchen (Berliner) wurden unsere Gäste bewirtet.
Die Veranstaltung wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung Brandenburg und der Buchhandlung Behm gefördert und von interessanten sachkundigen Gästen begleitet. Dank gilt der Stadt Hohen Neuendorf und der Grundschule in der Niederheide für die gute Zusammenarbeit.

Regina Scheer zur Widerstandsgruppe um
Herbert Baum

Am 15.02.2013 sprach Regina Scheer in Hohen Neuendorfs Stadtbibliothek zu ihren Recherchen überdas Schicksal der Mitglieder der jüdischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum. Die Regisseure Barbara Kaspar und Lothar Schuster zeigten ihren Dokumentarfilm "Hella Hirsch und ihre Freunde" - eine Spurensuche im Berlin von heute. 

Es gab nicht nur die weiße Rose...

Einige waren erst dreizehn oder vierzehn, als sie zur Widerstandsgruppe Herbert Baum in ihrer Heimatstadt Berlin stießen. Jugendliche jüdischer Herkunft, denen die Nazis zuwider waren und die sich wehren wollten und die 1942 schließlich den Mut aufbrachten, auf die Hetzausstellung "Das Sowjetparadies" im Berliner Lustgarten einen Brandanschlag zu verüben. In dessen Folge wurden mehr als 100 von ihnen verhaftet, die meisten hingerichtet.

Diese erschütternden Schicksale bewegten die Berliner Autorin Regina Scheer so sehr, dass sie ein umfangreiches, gut recherchiertes Buch über die Widerstandsgruppe Herbert Baum veröffentlichte, dem sie den einfühlsamen Titel "Im Schatten der Sterne" gab. Es gab eben nicht nur die "Weiße Rose", die viel bekanntere Münchner Gruppe von Studenten und ihren Professoren, die sich gegen das HItler Regime aufbäumten. Es gab auch diese jüdischen Jugendlichen aus einfachen Verhältnissen, die sich wehrten... Einfühlsam sprach Regina Scheer auch in Hohen Neuendorf von den kurzen Lebensläufen der Mutigen, von ihren Angehörigen und Freunden, von dem Tragischen, das diesen Geschichten innewohnt. Überzeugend legte sie den mehr als 30 Gästen dar, wie mühselig sie ihre Recherchen vorangetrieben hat, wie schwer es war, Zeitzeugen und Dokumente zu finden, die zugleich auch die unterschiedlichen Bewertungen der jüdischen Widerstandsgruppe in verschiedenen historischen Nachkriegsabschnitten wiederspiegelten.

Barbara Kapspar und Lothar Schuster konnten mit ihrem Westberliner Erfahrungshintergrund wertvolle Aspekte zur Bewertung der Persönlichkeit von Herbert Baum in den 60er Jahren einbringen. Für ihren Film erhielten sie viel Anerkennung. Das Mädchen "Hella Hirsch und ihre Freunde" hatte sie unabhängig von der Arbeit Regina Scheers zu dieser Dokumentation der Spurensuche im heutigen Berlin angeregt. Die Frage des Umgangs mit historischen Ereignissen als Historiker und die gründliche vielseitige Erkundung der Motivation für konkretes Handeln und Bewerten spielte in der folgenden Debatte eine große Rolle. So bettete man die sterblichen Überreste Herbert Baums auf den jüdischen Friedhof in Weißensee unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit in den ersten Tagen der DDR um. In Westberlin wollten Studenten in den 60ern und 70ern erreichen, dass ihre Uni nach Herbert Baum benannt wird.

Ein Buch, zusammengefügt wie Mosaiksteine, über die unendlichen Schattierungen von Individuen, jenseits von Schwarz und Weiß hat Regina Scheer erst vor wenigen Jahren schreiben können und uns jetzt vorgestellt. Das Vermächtnis jedes Einzelnen der Gruppe sollte heute allen gehören, die sich gegen Unmenschlichkeit zur Wehr setzen. Wir sollten es nutzen.

Angelika Stobinski

Zu Gast bei Anna Seghers
Zu Gast bei Anna Seghers

Am 2. November 2012 lud die AG Brot und Salz zu einem Besuch der Anna-Seghers- Gedenkstätte der Akademie der Künste in Berlin-Adlershof ein. 14 Interessiertewaren mit uns an dem Ort, an dem die berühmte Schriftstellerin bis zu ihrem Tod 1983 zuhause war.

Am 2. November 2012 lud die AG Brot und Salz zu einem Besuch der Anna Seghers Gedenkstätte der Akademie der Künste in Berlin-Adlershof ein, dorthin, wo die berühmte Schriftstellerin von 1953 bis zu ihrem Tod 1983 ihr Zuhause hatte. Wir erlebten eine spannende Führung mit der Literaturwissenschaftlerin und Autorin Dr. Monika Melchert.

Hier ein Bericht: Gäste nahmen bei Anna Seghers gewöhnlich auf dem braunen Sofa oder der Ofenbank Platz. Sie lud gern Freunde "zum Schwätzen" ein – bei Kaffee und einem Gläschen Kognak. Ihre kostbarsten Schätze – ihre Bücher – viele Erstausgaben und historisch wertvolle Bände, Werke von befreundeten Autoren – schützen viele kleine Tonfiguren vor dem Verschwinden. Sie kommen, wie die Schreibmaschine der Marke Remington, aus Mexiko mit nach Deutschland. Oft arbeitete sie mit ihr auf dem kleinen Balkon, den Vögeln, Blättern und Lüften nahe. Es ist fast so, als wäre sie noch da, wären die Möbel nicht aus der Zeit geraten.

Vierzehn Jahre hatte Anna Seghers im Exil verbracht als sie 1947 nach Berlin kam. Sie kehrte  als eine Unbekannte zurück, die jedoch mit ihrem Roman „Das siebte Kreuz“ im Ausland bereits weltberühmt geworden war. Vom in die USA ausgewanderten jüdischen Regisseur Fred Zinnemann aus Wien 1944 in den USA  verfilmt, kannten viele Menschen in der Welt die Geschichte des Gregor Heisler (Spencer Tracy). In mehr als 40 Sprachen wurde der Roman übersetzt.

Für Anna Seghers gab es nach den vielen aufreibenden Jahren des Exils und den damit verbundenen erzwungenen ungewissen Reisen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur einen Wunsch: die Heimkehr nach Deutschland, in das Land ihrer Sprache. Das Heimkehren wurde für sie ein langer Prozess. Schwere und oft einsame Jahre voller Sehnsucht vergingen. Getrennt von den in Frankreich lebenden Kindern und ihrem in Mexiko verbliebenen Ehemann, suchte sie vor allem den Kontakt zu den aus dem Exil ebenfalls zurückgekehrten Freunden wie Jeanne und Kurt Stern, Helene Weigel und Bertolt Brecht, Bode Uhse und vielen anderen. Sie gaben ihr Kraft, mit diesem für sie kalten Land und seinen frostigen Menschen und Umständen zurecht zu kommen.  Schließlich findet sie, mit Tochter Ruth und dem erst 1952 aus Mexiko zurückkehrenden Ehemann Laszlo  Radvanyi eine Bleibe in der Volkswohlstraße - der heutigen Anna Seghers Straße.

Die Möglichkeit, die Wohn – und Arbeitsräume der Seghers kennenzulernen, hat uns einen Einblick in ihr intensives Leben, in ihr umfangreiches erzählerisches Werk, in ihre Vorlieben und Freundschaften vermittelt. Für den einen oder anderen eine Gelegenheit, sich wieder an ihre wunderbaren Erzählungen „Drei Frauen aus Haiti“, „Das wirkliche Blau“ oder die „Sonderbaren Begegnungen“ oder die autobiografisch beeinflussten Werke „Transit“ oder den „Ausflug der toten Mädchen“ zu erinnern und sie noch einmal zu lesen. A.S.

Wie die "Mädelsache" funktioniert

Die Journalistin Andrea Röpke sprach am 28. März 2012 in der Aula des Marie-Curie-Gymnasiums in Hohen Neuendorf über die Rolle von Frauen in der Neonaziszene.

Es war ein Glücksfall, dass Andrea Röpke und Andreas Speit gerade in diesen Wochen und Monaten die Einladung der AG Brot und Salz des Kulturkreises annehmen konnten, um das Buch „Mädelsache!“, das 2011 im Ch. Links Verlag erschien, vorzustellen. Das Thema gewann an Aktualität durch die Tatsache, dass das Gesicht der Beate Zschäpe als Mitglied der terroristischen Zwickauer Zelle seit wenigen Monaten zum überzeugendsten öffentlichen Beweis wurde, dass Frauen und Mädchen in der Neonazi-Bewegung nicht weniger nationalistisch, rassistisch, menschenverachtend und gewaltbereit sind. Die Autoren, ausgewiesene Kenner des rechtsextremen Milieus, erleben seither eine starke Nachfrage durch Medien und erfreulicherweise auch seitens der Politik. Erst vor kurzem wurde Andrea Röpke im NSU-Bundesuntersuchungsausschuss angehört.

Am 28. März sprach Andrea Röpke vor 45 Interessierten in der Aula des Marie-Curie-Gymnasiums.Nicht zum ersten Mal kam die Journalistin aus Niedersachen nach Hohen Neuendorf. Im Zusammenhang mit Recherchen zur 2009 verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend führten sie öfter die Wege in unsere Region. Das Buch bietet bei der Beschreibung konkreter Zustände dem Leser (leider) viel „lokales Kolorit“.

An diesem Abend lieferte Andrea Röpke eine umfassende Sicht auf die Problematik, fesselte die Zuhörer mit überzeugenden Fakten und persönlichen Erlebnissen. Gestützt auf authentische Film-, Text- und Bilddokumente beschrieb Andrea Röpke anschaulich, wie die Mädelsache funktioniert. Frauen wirken in der NPD, den „Freien Kameradschaften“ bis hin zu den „Autonomen Nationalisten“ mit und sie treten oft noch radikaler und rassistischer auf als Männer. Sie bilden bei Aufmärschen die erste Reihe, werben laut für die „deutsche Volksgemeinschaft“, die frei, sozial und national gestaltet werden soll, halten aber auch ihren Männern den Rücken frei und erziehen den Nachwuchs im Sinne der Blut  und Boden Ideologie der Nazis*. Immerhin ist statistisch gesehen jeder fünfte Neonazi weiblich. 10% der rechtsextremen Straftaten gehen auf Frauen zurück, an vielen Straftaten sind sie mittelbar beteiligt. Das wäre nichts Neues, in der Öffentlichkeit ist es aber weniger bewusst, sagte Andrea Röpke an diesem Abend.

Frauen sind die freundlicheren und netteren Gesprächspartner der Nachbarn und Vereinsmitglieder, sie „kümmern sich“ um Alltagsprobleme und erwecken kaum den Anschein, rassistischem und menschenverachtendem Gedankengut anzuhängen und stramm organisiert zu sein. Sie sind aber zumeist in Frauenorganisationen wie der Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF) und dem Ring Nationaler Frauen (RNF) verankert. Die GDF hat in Berlin-Brandenburg die aktivste und zahlenstärkste Regionalgruppe, die vor allem Schulungsarbeit organisiert. Nebenher beteiligen sich die Mitglieder an Veranstaltungen wie dem „Tanz der braunen Paare in den Mai“, dem Märkischen Kulturtag, Kinderturnen und Brauchtumsfeiern bis hin zu soldatischen Gedenkveranstaltungen. „Im Alltag fallen die Frauen der GDF eher auf, als die meisten aus den Reihen des Rings Nationaler Frauen, der aus der NPD heraus gegründet wurde. Wie ihre Vorbilder aus germanischen Vorzeiten und dem „Dritten Reich“ tragen sie ihre Haare sehr lang, oft zu Zöpfen oder Haarkränzen geflochten. Auch zu Hause kleiden sie sich altmodisch, in einfachen Blusen und langen wallenden Röcken, mögen Dirndl. Nachbarn halten sie nicht selten für „Ökos“, versponnen aber harmlos.“,  schreiben Andreas Speit und Andrea Röpke in ihrem Buch. Ganz klar, dass Gender Mainstream ein Reizwort in diesen Kreisen ist und der Wunsch nach Selbstverwirklichung verachtet wird.

Wenn im Fall der nicht weiter von anderen jungen Müttern unterscheidbar daherkommenden Stella Hähnel, alias Palau und anderen Unterstützern der Szene gesagt wird: „Wo Neonazis siedeln, sind sie kaum aus Elternvertretungen, in Kitas und Schulen rauszuhalten.“, können wir das auch hier vor Ort gut nachvollziehen.  Die aktive Vorzeige-NPDlerin, Gründerin des Rings Nationaler Frauen und treue Anhängerin der GDF engagierte sich im Familienzentrum, gab sich sehr nett, ökologisch- und verantwortungsbewusst  und harmlos. Sie war in einer  nationalen Wohngemeinschaft in Hohen Neuendorf zuhause. Ähnliches Verhalten wie das der Stella Hähnel registrieren Beobachter in Sportvereinen, unter Gewerbetreibenden, auf dem Reiterhof,  im Tier-, Umwelt- und Naturschutz. Naturheilkunde und gesunde Ernährung interessieren die an der nationalen Sache engagierten Frauen. Andrea Röpkes Kritik, dass oft vor Ort Konzepte fehlen, es an Vernetzung, Erfahrungsaustausch und Aufmerksamkeit für die praktizierte sanfte Unterwanderung im vorpolitischem Raum fehlt, sollten auch wir ehrlicherweise akzeptieren. Ich würde hinzufügen, es täte vielerorts gut, sich besser zu informieren. Sie benannte die oftmals anzutreffenden Zustände der Hilflosigkeit in Einrichtungen, mittlerweile als eine Zumutung und riet dringend, gemeinsam aktiv zu werden, um sich zu schützen. Hier liegt eine große Verantwortung bei uns allen, in Vereinen, den demokratischen politischen Parteien und Verwaltungen, bei jedem Einzelnen. Hier liegt eine große koordinierende Verantwortung beim Verein und Bündnis Nordbahngemeinden mit Courage, dem dr Kulturkreis für die Unterstützung bei der Durchführung der Veranstaltung danke. Dank gilt besonders der Landeszentrale für politische Bildung, die diese Veranstaltung förderte.

Es gäbe sehr viel über diesen Abend zu schreiben. Der eine oder andere Besucher fühlte sich vielleicht betroffen darüber zurückgelassen, wie eng die Problematik des Rechtsextremismus mit dem konkreten Alltag verwoben ist. Für mich bleibt der nachhaltige Eindruck: Andrea Röpke und Andreas Speit haben mit Mädelsache! unter Beweis gestellt, dass aufmerksame Zeitgenossen – mutige Publizisten wie sie - sehr gute Verfassungsschützer sind. Auf sie ist auch dann Verlass, wenn  sich andere lieber bedeckt halten. Auf die Frage, warum derzeit argumentiert würde, das NPD Verbot könne nur gelingen, wenn die V-Leute nicht abgeschaltet  werden, antwortete sie, dass nach ihrer Meinung genügend Fakten und Beweise für die Verfassungsfeindlichkeit auf dem Tisch liegen. Das ist nach den zwei Stunden über und um die „Mädelsache“ sehr glaubhaft geworden.

Angelika Stobinski

Das Buch ist sehr zu empfehlen. Verlag Ch. Links, ISBN 978-3-86153-615-4

*Von Andrea Röpke erschien auch: Die geführte Jugend – Kindererziehung von rechts  (2010) ISBN 978-3-932082-43-6, Hrsg.: Bildungsvereinigung ARBEIT UND LEBEN  Niedersachsen, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend